Der Boden unter den Tatsachen — Warum der Umbau unserer Wissensordnung eine neue kollektive Angst erzeugt
Was geschieht mit der Angst, wenn nicht die Welt unsicher wird, sondern die Art, wie wir wissen, was der Fall ist? Über eine Verunsicherung ohne Adresse und den Ruf nach Gewissheit, der sie verstärkt.
Vortrag für Wissenschaftskommunikation, Medien- und Demokratieformate — Stiftungen mit Schwerpunkt Desinformation und Vertrauen, Bildungs- und Kulturinstitutionen, Führungskräfte in Journalismus, Verwaltung und plattformnahen Organisationen. 40–45 Minuten, ohne Vorwissen verständlich.
Die neue erste Frage
Es gibt eine Frage, die vor wenigen Jahren kaum jemand gestellt hat und die inzwischen zum Reflex geworden ist. Sie lautet nicht mehr „Ist das wahr?“. Sie lautet: „Ist das überhaupt echt?“
Ein Video, in dem ein Politiker etwas Ungeheuerliches sagt. Ein Foto von einer Katastrophe. Eine Sprachnachricht in der Stimme eines Angehörigen. Ein wissenschaftlich klingender Text mit Quellenangaben. Bei jedem dieser Dinge zuckt heute ein Zweifel, den es in dieser Form früher nicht gab – kein inhaltlicher Zweifel („Stimmt das?“), vielmehr ein tieferer: „Kann ich das überhaupt noch beurteilen?“
Das wirkt wie eine kleine Verschiebung, und sie hat große Folgen. Die Frage „Ist das wahr?“ setzt voraus, dass es einen Weg gibt, das herauszufinden. Die Frage „Ist das echt?“ zweifelt bereits an diesem Weg. Wir erleben insofern nicht einfach mehr Lüge. Wir erleben, dass der Boden weich wird, auf dem wir bisher zwischen wahr und falsch unterschieden haben – ich werde dieses Bild im Folgenden strapazieren, weil ich kein besseres kenne.
Wenn dieser Boden weich wird, geschieht etwas, das sich mit den üblichen Begriffen der Desinformationsdebatte kaum fassen lässt. Es entsteht eine Unruhe, die keine Adresse hat. Man weiß nicht, wovor man Angst hat. Man weiß nur, dass man den Halt verliert. Um zu verstehen, was da passiert, braucht man zweierlei: einen Begriff dessen, was hier eigentlich verloren geht, und ein Modell der Angst, das mit adresslosen Ängsten umgehen kann. Beides möchte ich im Folgenden anbieten.
Wirklichkeit als gemeinsame Leistung
„Wirklichkeit“ ist keine Ansammlung von Fakten, die einfach daliegt. Sie ist eine gemeinsame Leistung. Der Fachausdruck dafür, epistemische Weltkonstruktion, klingt sperrig und meint etwas Alltägliches: die Art und Weise, wie eine Gesellschaft laufend herstellt, was als gewusst, als belegt, als glaubwürdig gilt. Es ist die unsichtbare Infrastruktur hinter dem Satz „Das weiß man doch“.
Man glaubt sehr viel zu wissen, ohne es je selbst geprüft zu haben. Dass es einen bestimmten fernen Krieg gibt. Dass ein Medikament wirkt. Dass eine historische Person existiert hat. Dass die Zahlen im Geschäftsbericht stimmen. Nichts davon hat man mit eigenen Augen verifiziert. Man vertraut – einem Geflecht aus Zeugen, Institutionen, Verfahren, Dokumenten, Bildern und Fachleuten. Dieses Geflecht ist die eigentliche Wissensordnung einer Gesellschaft.
An dieser Stelle kommt mein Modell ins Spiel. In meiner Soziologie der Angst entsteht ein stabiler mentaler Zustand dann, wenn die vielen Einschätzungen, die wir gleichzeitig vornehmen, zueinander passen – ein Attraktorzustand, ein Ruhepunkt, in dem die Spannungen zwischen den Bewertungen gering sind.¹ Das Modell ist skaleninvariant angelegt: Dieselben Prinzipien gelten von der einzelnen Bewertung über Gruppen und Organisationen bis zu öffentlichen Diskursen; am Klimadiskurs habe ich gezeigt, wie sich ein solcher kollektiver Ruhepunkt bildet oder zerfällt.²
Überträgt man das auf die Gesellschaft, ergibt sich ein brauchbares Bild: Geteilte Wirklichkeit ist ein kollektiver Attraktorzustand. Eine funktionierende Wissensordnung ist ein gesellschaftlicher Ruhepunkt, in dem sich die Bewertungen vieler Menschen wechselseitig stützen – „wir wissen ungefähr, in welcher Welt wir leben“. Das ist kein Naturzustand. Es ist eine Leistung, und Leistungen kann man verlieren.
Worauf Gewissheit bisher ruhte
Bevor man sehen kann, wie diese Leistung verloren geht, muss man verstehen, worauf der Ruhepunkt bisher ruhte. Der Boden hatte, wenn man so will, drei tragende Schichten, und alle drei hielten, weil die Welt bestimmte Eigenschaften hatte, die uns selbstverständlich erschienen.
Die Spur war teuer. Ein Foto war ein Beleg, weil man dafür vor Ort gewesen sein musste. Ein Dokument, eine Aufnahme, ein Augenzeuge – all das hatte Beweiswert, weil es kostspielig und schwierig herzustellen war und weil es auf etwas Wirkliches zurückverwies. Die Fälschung war die teure Ausnahme, das Echte die billige Regel. Unser gesamter Alltagsverstand über Beweise beruht auf dieser stillen Voraussetzung: Wer eine überzeugende Spur vorzeigt, war wahrscheinlich an der Wirklichkeit.
Dazu kam, dass es benennbare, haftbare Torwächter gab. Wer etwas öffentlich behauptete, tat es durch einen begrenzten Satz von Instanzen – Redaktionen, Verlage, Fachgesellschaften, Behörden –, die einen Namen, eine Adresse und einen Ruf zu verlieren hatten. Man konnte ihnen misstrauen und sie zur Rechenschaft ziehen. Aber es gab jemanden, der einstand.
Und schließlich gab es eine Arena. So zerstritten eine Gesellschaft war, sie stritt über dieselbe Nachrichtenlage und dieselbe grobe Landkarte der Wirklichkeit. Es gab einen gemeinsamen Raum, in dem der Streit stattfand.
Teure Spur, haftbare Torwächter, gemeinsame Arena: Auf diesem Boden konnte sich der kollektive Ruhepunkt einpendeln. Das ging selten friedlich zu, und oft war es schreiend ungerecht, wessen Stimme dabei zählte. Aber der Mechanismus funktionierte. Es gab einen belastbaren Weg von der Behauptung zur geteilten Gewissheit. Alle drei Schichten werden derzeit gleichzeitig umgebaut, und das geschieht so leise, dass man es hinter dem Lärm der einzelnen Skandale kaum bemerkt.
Drei Verschiebungen zugleich
Was wir „Desinformation“ nennen, ist nur die sichtbare Oberfläche. Darunter verschieben sich drei Dinge auf einmal, und jede Verschiebung nimmt einer der drei Schichten den Halt.
Die teure Spur löst sich auf, weil aus dem Mangel ein Überfluss geworden ist. Überzeugend wirkende Bilder, Stimmen, Videos und Texte lassen sich heute nahezu kostenlos und in beliebiger Menge erzeugen. Damit kippt die stille Grundannahme: Die Spur verweist nicht mehr zuverlässig auf Wirklichkeit. Ein perfektes Foto ist kein Beleg mehr, nur noch ein Kandidat für einen Beleg. Die einzelne Fälschung ist dabei das kleinere Problem. Wenn alles gefälscht sein könnte, lässt sich auch alles Echte als Fälschung abtun. Wer lügt, braucht die Lüge gar nicht mehr durchzusetzen; es reicht, wenn niemand mehr sicher sein kann. Der Zweifel selbst wird zur Waffe.
Die haftbaren Torwächter werden ersetzt. An die Stelle benennbarer, verantwortlicher Instanzen tritt eine algorithmische Sortierung, die nicht auf Wahrheit optimiert, sondern auf Aufmerksamkeit und Verweildauer. Der Mechanismus, der unsere Wirklichkeit vorsortiert, hat weder Gesicht noch Adresse, und er ist niemandem Rechenschaft schuldig für die Frage, ob etwas stimmt. Er belohnt, was bindet – und Empörung und Eindeutigkeit binden zuverlässiger als Differenzierung.
Und die eine Arena zerfällt. An die Stelle eines gemeinsamen Raums treten Millionen individuell zugeschnittener Wirklichkeitsausschnitte. Es gibt nicht mehr die Nachrichtenlage, über die wir streiten, es gibt unzählige, die sich immer weniger überlappen. Damit verschwindet der gemeinsame Boden des Streits – und mit ihm die Voraussetzung, sich überhaupt auf einen kollektiven Ruhepunkt einpendeln zu können.
Wo gehören in diesem Bild die generativen KI-Systeme hin? Nüchtern betrachtet sind sie kein neuer Dämon. Sie beschleunigen alle drei Verschiebungen zugleich: Sie senken die Kosten der Spur gegen null und liefern der aufmerksamkeitsgetriebenen Sortierung unbegrenztes Material; zugleich lässt sich Wirklichkeit mit ihnen bis auf den einzelnen Adressaten zuschneiden. Man kann das benennen, ohne in Technikpanik zu verfallen.
Kein Inhaltsproblem
All das wird meist als Inhaltsproblem diskutiert – als hätten wir zu viel Falsches im Umlauf. Ich halte das für den falschen Befund. Die Debatten behandeln die Krise als ein Zuviel an falschem Inhalt und verwechseln damit, in der Sprache meines Modells, die Ausprägung mit dem, was tatsächlich kippt.
In jeder Bewertung stecken zwei Komponenten, die man auseinanderhalten muss: die Ausprägung, also die Sachaussage – wie ist die Lage, wie wahrscheinlich, wie kontrollierbar ist etwas? – und die Wichtigkeit, also die Wertaussage – wie sehr zählt mir, was hier auf dem Spiel steht?³ Diese Trennung ist, soweit ich sehe, auch in der psychologischen Emotionsforschung nicht üblich gewesen.⁴
Die gesamte Desinformationsdebatte spielt auf der Ebene der Ausprägung. Wie viel Falsches ist im Umlauf? Wie erkennt man es? Wie filtert man es weg? Das ist wichtig, und es verfehlt das eigentliche Beben. Denn was der Umbau angreift, ist nicht der Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen, sondern die Kontrollierbarkeit der Gewissheit selbst.
Zu den zentralen Bedingungen der Angstentstehung zähle ich in meinem Modell ausdrücklich die epistemische Kontrolle – und, entscheidend, deren Wichtigkeit. Es zählt, wie ungewiss eine Lage ist, und es zählt, wie wichtig einem Eindeutigkeit und Vorhersagbarkeit sind.⁵ Der Umbau der Wissensordnung senkt die wahrgenommene epistemische Kontrolle, und zwar über das Wissen im Allgemeinen, nicht bloß über diesen oder jenen Gegenstand. Wir verlieren keine Antwort. Wir verlieren das Vertrauen in unser Verfahren, zu Antworten zu kommen.
Dazu kommt eine kulturelle Verschärfung, die aus einem Ärgernis eine Angst macht. Die Bedeutsamkeit von Gewissheit ist in der Moderne aufklärungsbedingt außerordentlich hoch, und sie lässt sich nicht einfach absenken.⁶ Wir sind Erben einer Kultur, die Wissbarkeit und Planbarkeit zu Höchstwerten erhoben hat. Damit fallen zwei Dinge zusammen: Die Möglichkeit von Gewissheit sinkt technisch gerade rapide, und die Wichtigkeit von Gewissheit steht kulturell so hoch wie selten zuvor. Man muss kein Angstforscher sein, um zu ahnen, was das ergibt. Die Welt ist dafür nicht gefährlicher geworden. Uns ist Gewissheit sehr wichtig, und der Boden, auf dem wir sie herstellen, wird gleichzeitig weich.
Eine Angst zweiter Ordnung
Diese Verunsicherung hat eine bestimmte Gestalt. Sie ist nicht die Angst vor einer Gefahr. In meinem Modell unterscheide ich zwei Grundformen. Konkrete Angst ist eine vertikale Spannung: Etwas Bestimmtes, das mir wichtig ist, erscheint bedroht. Sie hat eine Adresse.⁷ Kontingenzangst ist eine horizontale Spannung: Es fehlt die Orientierung, gleichwertige Deutungen widersprechen sich, oder es herrscht schlicht Unbestimmtheit. Auf einer Skala von minus eins bis plus eins ist die Kontingenzangst dort maximal, wo der Wert bei null liegt – dort, wo nichts feststeht.⁸
Die Angst, die der Umbau der Wissensordnung erzeugt, gehört eindeutig zum zweiten Typ. Man kann nicht sagen, wovor man sie hat. Man leidet nicht an einer bestimmten Bedrohung, man leidet an der Ungewissheit selbst. Aber es ist eine Kontingenzangst besonderer Art, und hier führe ich meinen eigenen Begriff einen Schritt weiter. Ich nenne sie epistemische Kontingenzangst: nicht die Angst darüber, was der Fall ist, sondern die Angst über den Verlust des gemeinsamen Verfahrens, mit dem wir entscheiden, was der Fall ist.
Klassische Kontingenzangst fragt: „Was gilt?“ Die epistemische Kontingenzangst fragt: „Können wir überhaupt noch feststellen, was gilt – und können wir es gemeinsam?“ Sie ist die Erfahrung, dass die Skala selbst zu zittern beginnt, auf der wir bisher zwischen wahr und falsch abgetragen haben. Der Wert bei null wird nicht mehr durch eine einzelne unklare Frage erreicht; er droht zum Dauerzustand des ganzen Systems zu werden. Früher waren einzelne Fragen offen. Jetzt wird die Fähigkeit, Fragen zu schließen, selbst zur offenen Frage.
Weil das Modell kollektiv gedacht werden kann, gilt das nicht nur für Einzelne. Es ist die Erfahrung einer Gesellschaft, die spürt, dass ihr gemeinsamer Ruhepunkt sich nicht mehr zuverlässig einstellt. Man kann über Fakten streiten, solange man ein gemeinsames Verfahren teilt, sie zu klären. Wenn das Verfahren zerfällt, wird aus Streit etwas anderes: Entfremdung. Zwei Seiten bewohnen nicht mehr dieselbe Welt.
Vier Wege, die Ungewissheit loszuwerden
Menschen und Gesellschaften halten den Wert bei null nicht lange aus. Sie bewältigen die Ungewissheit – und Bewältigung löst in meinem Modell das Problem nicht; sie verschiebt die Aufmerksamkeit oder deutet die Bedrohung um.⁹ Übertragen auf die epistemische Kontingenzangst sehe ich vier typische Muster. Jedes stellt einen Ruhepunkt wieder her, und jedes hat seinen Preis.
Da ist zunächst die Verschwörung. Der Ausweg aus einer unerträglichen horizontalen Spannung besteht darin, sie in eine erträgliche vertikale zu übersetzen. Genau das leistet die Verschwörungserzählung: Sie verwandelt die diffuse, adresslose Angst („Nichts ist mehr sicher zu wissen“) in eine konkrete, benennbare Bedrohung durch einen schuldigen Akteur. Ich beschreibe diesen Mechanismus als externale Attribution: die Zuschreibung diffuser Bedrohung auf klar benennbare, sanktionierbare Gruppen. Das stellt Gewissheit und Kontrolle wieder her und schützt den Selbstwert – um den Preis von Vorurteil und Ausgrenzung.¹⁰ Die Verschwörung ist deshalb kein Denkfehler. Sie ist ein Angstlöser. Sie gibt der Welt wieder einen Autor und einen Plan, und sie tauscht die Zumutung der Kontingenz gegen die Geborgenheit eines Feindes.
Oder man zieht sich in den Stamm zurück. Wenn der gemeinsame Ruhepunkt nicht mehr erreichbar ist, kann man einen lokalen herstellen – in einer geschlossenen Gemeinschaft, die sich ihrer Sache absolut sicher ist. Man verlässt die gemeinsame Arena und bezieht eine kleinere, in der wieder gilt: „Das wissen wir doch.“ Der Preis: Die Sicherheit im Innern wird mit der Entfremdung nach außen erkauft.
Verbreitet ist auch der Ruf nach einem starken Schiedsrichter der Wahrheit. In meinem Buch beschreibe ich, dass die aufklärungsbedingte Wichtigkeit von Gewissheit, wenn sie bedroht ist, sich typischerweise nicht abbaut; sie sucht nach Ersatz – über Vorsichtsprinzipien, verschärfte Standards, die Orientierung an Traditionen oder den Ruf nach starker Führung.¹¹ Epistemisch übersetzt heißt das: der Ruf nach einer Instanz, die autoritativ entscheidet, was wahr ist, sei es eine Führungsfigur oder eine Plattform, die als Schiedsrichter der Wahrheit auftritt. Das befriedigt das Gewissheitsbedürfnis, verschiebt aber die Macht über die Wirklichkeit an eine Stelle, die niemand mehr kontrolliert.
Und schließlich der zynische Rückzug, die erschöpfte Variante: „Es ist ohnehin alles manipuliert, man kann nichts mehr glauben.“ Das sieht aus wie Distanz und ist selbst eine Bewältigung – der Versuch, die Angst loszuwerden, indem man das Bemühen um Wahrheit ganz aufgibt. Der Preis dürfte hier am höchsten sein: Der Zynismus macht den Wert bei null zum Dauerzustand und liefert die Gesellschaft denen aus, die von der Bestreitbarkeit profitieren.
Alle vier Muster haben eines gemeinsam: Sie stellen Gewissheit wieder her, indem sie die geteilte Wirklichkeit weiter beschädigen. Es sind rationale Antworten auf eine schwer erträgliche Angst, und zugleich sind sie der Motor ihrer Verstärkung. Man sollte hier nicht moralisieren. Wer die Muster als Dummheit abtut, hat den Mechanismus nicht verstanden, der sie so attraktiv macht.
Der Zweifel als Geschäft
Weil Angst so zuverlässig nach Gewissheit verlangt, lässt sie sich bewirtschaften. Mit Luhmann habe ich darauf hingewiesen, dass Angst ein besonderes Argument ist: Sie lässt sich rechtlich nicht regulieren und wissenschaftlich nicht widerlegen. Einmal kommuniziert, gewinnt sie eine „moralische Existenz“ – sie macht es zur Pflicht, sich zu sorgen, und zum Recht, Maßnahmen zu verlangen.¹² Das macht sie in der öffentlichen Auseinandersetzung so wirksam.
Hinzu kommt, dass die Sichtbarkeit von Bedrohungen keine neutrale Angelegenheit ist. Welche Gefahren wahrgenommen werden und wie, hängt von Interessen und Ressourcen der beteiligten Akteure ab. Ressourcenstarke Akteure können Deutungen stärker gewichten und sogar wissenschaftliche Konsense destabilisieren, indem sie gezielt Zweifel säen.¹³ Und die Politik fördert, wie ich mit Béland gezeigt habe, bevorzugt jene Ängste, die sie zu beherrschen verspricht.¹⁴
Übertragen auf unsere Lage heißt das: Der Zweifel wird auch strategisch erzeugt. Die Destabilisierung des Bodens ist für manche kein Unglück, sie ist ein Geschäftsmodell. Wer die epistemische Kontingenzangst schürt und sich zugleich als einziger Fels in der Brandung anbietet – „Nur ich sage dir, was wirklich wahr ist“ –, verkauft den Ruf nach dem starken Schiedsrichter als Rettung. Diese Figur halte ich für besonders wirksam, und sie ist an kein politisches Lager gebunden: erst den Boden weichklopfen, dann als Retter vor dem Sumpf auftreten, den man selbst geschaffen hat.
Was hilft
Die naheliegende Antwort – die alte Gewissheit wiederherstellen – kann nach meinem Modell kaum gelingen, weil sie auf der falschen Achse kämpft. Die meisten Vorschläge zielen auf die Ausprägung: mehr Faktenchecks und bessere Filter. Das ist nötig, und es bleibt ein Wettrüsten, das man auf weichem Boden kaum gewinnt. Solange die Wichtigkeit totaler Gewissheit unangetastet bleibt, treibt jede unvermeidliche Restunsicherheit die Menschen weiter in die vier Muster.
Mein Modell legt einen zweiten Hebel frei, der ungewohnt ist: an der Wichtigkeit ansetzen, nicht nur an der Lage. Wenn eine Angst daraus entsteht, dass jemandem absolute Gewissheit über etwas prinzipiell Ungewisses wichtig ist, hilft keine noch so gute Information. Dann geht es darum, ob sich die Bedeutung von Gewissheit verschieben lässt – hin zu einer Haltung, die abgestufte Ungewissheit aushalten kann, ohne sie als Zumutung zu erleben.
Ich bin an dieser Stelle vorsichtig. Ich habe selbst geschrieben, dass sich diese aufklärungstiefe Wichtigkeit nicht per Appell absenken lässt,⁶ und ich sehe keinen Grund, das zurückzunehmen. Aber verschieben heißt nicht abschaffen. Es geht um den Übergang von einer Kultur, die auf Gewissheit fixiert ist, zu einer, die mit Ungewissheit umgehen kann. Was daraus praktisch folgt, lässt sich in vier Bausteinen beschreiben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Herkunft statt Echtheit. Wenn die Spur ihren Beweiswert verliert, verlagert sich das Vertrauen von der Frage „Sieht es echt aus?“ zur Frage „Woher kommt es, und lässt sich der Weg zurückverfolgen?“ An die Stelle des Augenscheins tritt die nachvollziehbare Herkunft. Das gewinnt die alte Gewissheit nicht zurück; es ersetzt sie durch eine andere, die Gewissheit über die Kette statt über das Bild.
Verfahren statt Autorität. Vertrauen lässt sich nicht durch den Ruf „Glaubt uns!“ zurückholen. Es entsteht dort, wo Institutionen ihre Verfahren offenlegen: wie sie zu einer Aussage kommen und wo sie sich korrigiert haben. Eingestandene Fehlbarkeit erzeugt belastbareres Vertrauen als der Anspruch auf Unfehlbarkeit. Zugleich ist das die Immunisierung gegen den Ruf nach dem starken Schiedsrichter: Wer Verfahren zeigt, macht sich als Autorität überflüssig, und gerade das macht ihn glaubwürdig.
Nichtwissen als Kompetenz. In einer auf Gewissheit fixierten Kultur ist Nichtwissen eine Blöße. In einem reiferen Umgang mit Ungewissheit ist die abgestufte Aussage – von „gesichert“ über „wahrscheinlich“ bis „offen“ – das Kennzeichen von Kompetenz. Wer Grade der Sicherheit unterscheiden kann, statt alles in wahr oder falsch zu pressen, nimmt der epistemischen Kontingenzangst ihren Nährboden, den Alles-oder-nichts-Anspruch.
Und schließlich der Punkt, an dem mein Modell, gegen die verbreitete Annahme, Angst wirke nur spaltend, zuversichtlich wird: Ungewissheit kann verbinden. Unter Ungewissheit intensivieren sich die Informationssuche und die Orientierung an der sozialen Umwelt; wechselseitige Interaktion kann soziale Integration sogar erhöhen.¹⁵ Die epistemische Kontingenzangst beschädigt die geteilte Wirklichkeit dann, wenn man ihr einzeln begegnet und in die vier Muster flüchtet. Begegnet man ihr gemeinsam – in geteilten, transparenten Verfahren, in einem Raum, in dem man miteinander herausfindet, was der Fall ist –, kann sich ein neuer kollektiver Ruhepunkt bilden. Nicht der alte Boden. Aber ein neuer.
Was offen bleibt
Am Ende meines Buches habe ich darauf hingewiesen, dass die Frage nicht bei den Bedingungen der Angst haltmacht, sondern bei ihren Folgen: Angst kann Wandel antreiben oder Erstarrung zementieren.¹⁶ Für die Wissensordnung heißt das: Die epistemische Kontingenzangst kann uns in Stämme und Verschwörungen treiben, oder sie kann der Beginn eines erwachseneren Umgangs mit Wahrheit sein. Welches von beidem, ist keine technische Entscheidung. Es ist eine kulturelle.
Wie weit das trägt, weiß ich nicht. Der Befund zum verbindenden Potenzial der Ungewissheit stammt aus meinem Modell der Angst im Allgemeinen; ob er für eine Ungewissheit gilt, die das gemeinsame Verfahren selbst betrifft, muss sich erst zeigen. Und ob sich die Wichtigkeit von Gewissheit tatsächlich verschieben lässt, bevor die vier Muster schneller sind, kann ich aus dem Modell nicht ableiten. Es ist die Frage, die ich derzeit für die entscheidende halte, und ich habe keine Antwort darauf. Bis dahin bleibt der Boden weich, und der Zweifel, mit dem wir begonnen haben – „Ist das überhaupt echt?“ –, wird uns eine Weile begleiten.
Anmerkungen
- Soziologie der Angst (2017), Kap. 6, bes. S. 355–359; Angst als nicht hinreichend stabiler bzw. fehlender Attraktorzustand: S. 357.
- S. 372–373 und S. 458.
- S. 355–356.
- S. 448.
- S. 448.
- S. 456.
- S. 357–358.
- S. 358–359.
- S. 368–370.
- S. 368–370; Zusammenfassung S. 455–457.
- S. 456.
- S. 221, mit Luhmann.
- S. 450, S. 372–373 und S. 247–248.
- S. 247–248, mit Béland.
- S. 453–454.
- S. 463–464.
Grundlage: Soziologie der Angst (Springer VS 2017); die Gegenwartsanwendungen führen das Modell weiter.
Buchbar als Vortrag mit Diskussion. Anfragen über den Kontakt unten.
Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.