Die Geometrie der Angst — Warum Angst keine Stimmung ist, sondern eine Spannung
Angst lässt sich genauer fassen als „ein Gefühl“ — als Spannung zwischen Bewertungen, die zwei verschiedene Formen annimmt. Und warum dieselbe Lage bei zwei Menschen ganz verschieden viel Angst erzeugt.
Vortrag für Hochschulen, Fachtagungen und Weiterbildung — Wissenschaftskommunikation, Kommunikations- und Beratungsberufe, Stiftungen mit Grundlagenfokus. 35–40 Minuten; konzeptuell anspruchsvoll, aber ohne Vorwissen verständlich, weil der Vortrag durchweg mit Bildern und Beispielen arbeitet.
„Ich habe Angst.“ Drei Worte, die wir ständig hören und die erstaunlich wenig sagen. Der Manager vor der Präsentation der Quartalszahlen hat Angst. Das Kind im dunklen Zimmer hat Angst. Die Wählerin, die an die Zukunft ihres Landes denkt, hat Angst. Der Patient vor der Diagnose hat Angst. Und wer morgens aufwacht und nicht mehr weiß, wofür das alles eigentlich gut sein soll, sagt vielleicht ebenfalls: Ich habe Angst.
Ist das dieselbe Angst? Die Sprache legt es nahe, das Gefühl widerspricht. Und die Soziologie – jedenfalls die, die ich in meiner Soziologie der Angst vorgeschlagen habe – widerspricht ebenfalls. „Angst“ ist im Alltag ein Sammelbegriff, und Sammelbegriffe sind für die Wissenschaft, was Nebel für die Navigation ist. Solange das Wort alles Mögliche bezeichnet – von der Furcht vor einer Spinne bis zur diffusen Verunsicherung angesichts einer unübersichtlichen Welt –, kann man über Angst reden, aber man kann sie kaum analysieren. Man kann sie zählen, in Umfragen abfragen, in Rankings sortieren. Was man dabei misst, bleibt offen.
Mein erster Schritt besteht deshalb nicht darin, mehr über Angst zu sagen, sondern präziser zu sagen, was Angst überhaupt ist. Im Folgenden stelle ich zwei Gedanken aus meinem Modell vor, die ich für besonders folgenreich halte und die selten verstanden werden. Der eine betrifft die Definition: Angst lässt sich als ungelöste Spannung zwischen Bewertungen fassen, und diese Spannung hat zwei verschiedene Formen. Der andere betrifft eine Unterscheidung, die in jeder Bewertung steckt und in der Angstforschung meist übergangen wird: die zwischen der Lage und dem, was sie einem bedeutet. Wer Angst als bloßes Gefühl behandelt, kann sie beschreiben. Wer sie als Spannung versteht, kann erklären, warum zwei Menschen in derselben Lage völlig unterschiedlich reagieren.
Angst als Spannung
Um die Umstellung zu verstehen, hilft ein Bild. Ein Mobile über einem Kinderbett, fein austariert: Solange alle Teile im Gleichgewicht hängen, ist es ruhig; es hat einen stabilen Zustand gefunden. Stößt man ein Element an, gerät das ganze Gebilde in Bewegung, bis es entweder ein neues Gleichgewicht findet – oder eben nicht zur Ruhe kommt und weiterschwingt.
In einer verwandten Logik beschreibe ich unser Bewerten der Welt. Im Kopf laufen ständig viele Einschätzungen gleichzeitig: Wie steht es um meine Gesundheit, meine Arbeit, meine Beziehungen, meine Zukunft? Diese Einschätzungen stützen oder widersprechen einander. Meistens finden sie ein hinreichend stimmiges Gesamtbild, einen Zustand, in dem die Spannungen zwischen ihnen gering sind. In der Sprache dynamischer Systeme heißt ein solcher Ruhepunkt Attraktorzustand.¹ Angst definiere ich als das Fehlen eines solchen Ruhepunkts: als nicht hinreichend stabilen oder ganz fehlenden Attraktorzustand, als ungelöste Spannung, als Dissonanz im System der Bewertungen.²
Das klingt technischer, als es ist. Gemeint ist etwas recht Einfaches. Angst kommt nicht von außen in uns hinein wie ein Reiz; sie entsteht, wenn unsere Bewertungen nicht zusammenpassen. Sie ist kein Ding, das man hat, sondern ein Verhältnis, in dem man sich befindet. Und Spannungen dieser Art können auf zwei ganz verschiedene Weisen zustande kommen. Daran hängt die Unterscheidung zweier Grundformen der Angst – und weil sich beide am ehesten räumlich veranschaulichen lassen, spreche ich von zwei Geometrien.
Die Spannung nach oben und unten
Der einfachste Fall zuerst. Es gibt etwas, das mir wichtig ist; ich nenne es ein Identifikationsobjekt. Meine Gesundheit etwa. Ich wünsche mir, dass sie intakt bleibt – das ist der eine Pol. Nun erreicht mich eine Information, ein auffälliger Befund, ein Symptom, eine Diagnose, und ich beginne zu glauben, dass meine Gesundheit bedroht ist. Das ist der andere Pol. Zwischen beiden entsteht eine Spannung: Der Wunsch (die Gesundheit soll intakt sein) und die Überzeugung (die Gesundheit ist bedroht) widersprechen einander. Im Modell ist das eine vertikale Spannung – eine Dissonanz zwischen dem erwünschten und dem für wahrscheinlich gehaltenen Zustand ein und derselben wichtigen Sache.³
Dies ist konkrete Angst: Etwas Bestimmtes, das mir wichtig ist, erscheint bedroht. Sie hat deshalb immer eine Adresse. Man kann sie benennen – Angst um die Gesundheit, um den Arbeitsplatz, um das Kind, um die Ersparnisse. Sie richtet sich auf ein Objekt und speist sich aus der Kluft zwischen dem, wie es sein soll, und dem, wie es zu werden droht. Wie stark sie ausfällt, hängt von zwei Dingen ab: davon, wie wichtig mir das bedrohte Objekt ist, und davon, wie überzeugt ich von der Bedrohung bin. Beides wird verstärkt oder abgeschwächt durch die Einschätzung, wie wahrscheinlich der Schaden ist und wie kontrollierbar die Lage erscheint. Je höher die subjektive Wahrscheinlichkeit und je geringer die wahrgenommene Kontrolle, desto größer die Angst.⁴
Bis hierhin würden die meisten folgen. Der Teil, den ich für den eigentlich originellen halte, betrifft die zweite Form, die sich ganz anders verhält.
Die Spannung zur Seite
Es gibt eine Angst, die keine Adresse hat. Man kann nicht sagen, wovor man Angst hat, und schon gar nicht, worum. Sie entsteht aus Unbestimmtheit, aus Widersprüchlichkeit, aus Orientierungslosigkeit. Ich nenne sie Kontingenzangst: Angst angesichts der Kontingenz, also der prinzipiellen Unbestimmtheit der Dinge, ihres Auch-anders-möglich-Seins.
Ihre Geometrie ist eine andere. Hier steht nicht bei einer Sache der Wunsch gegen die Wirklichkeit. Hier stehen zwei Dinge nebeneinander, die gleichzeitig Geltung beanspruchen und einander ausschließen – eine horizontale Spannung.⁵ Drei Beispiele machen das anschaulich.
Der Zielkonflikt: Ich will beruflich vorankommen, und ich will für meine Familie da sein. Beide Wünsche sind legitim, beide sind mir wichtig, aber sie lassen sich nicht gleichzeitig erfüllen. Es gibt keinen bedrohten Gegenstand; es gibt zwei gleichwertige Ziele in Spannung zueinander.
Der Rollenkonflikt: Ich soll als Führungskraft Entscheidungen souverän durchsetzen und zugleich als Kollege einfühlsam und offen sein. Zwei Rollenidentitäten, beide gültig, die einander widersprechen. Keine Bedrohung, eher eine Zerreißprobe.
Die reine Unbestimmtheit: Manchmal fehlt schlicht die Information, um überhaupt einzuschätzen, was der Fall ist oder was gelten soll. Das lässt sich überraschend exakt fassen. Legt man eine Skala von minus eins bis plus eins an, dann ist Kontingenzangst dort maximal, wo der Wert bei null liegt – wo weder klar ist, ob ein Ereignis eintritt, noch, ob es kontrollierbar oder überhaupt schädlich wäre. Die Null steht für die völlige Unbestimmtheit.⁶
Kontingenzangst ist also das Leiden an der Ungewissheit selbst. Keine Furcht, etwas Bestimmtes zu verlieren; eher die Zumutung, nicht zu wissen, was gilt, was man tun soll, was kommen wird. Beide Formen schließen einander dabei nicht aus. Sie können gleichzeitig auftreten und ineinander übergehen: Eine konkrete Bedrohung kann von diffuser Unbestimmtheit umgeben sein, und eine diffuse Verunsicherung kann sich zu konkreten Ängsten verdichten.⁷
Eine Umstrukturierung
Warum ist diese Unterscheidung mehr als akademische Feinarbeit? Weil die beiden Formen entgegengesetzte Antworten verlangen. Wer sie verwechselt, macht die Sache schlimmer. Ich nehme dafür ein Beispiel, das in Beratungs- und Führungskontexten vertraut sein dürfte: eine Führungskraft in einer Umstrukturierung.
Ein Unternehmen wird umgebaut. Ein Teil der Belegschaft hat konkrete Angst – um den eigenen Arbeitsplatz, um das Einkommen, um den Status. Für diese Leute gibt es ein bedrohtes Objekt, und sie könnten es benennen, wenn man sie fragte. Ein anderer Teil hat Kontingenzangst: Niemand weiß, wie es weitergeht, welche Regeln künftig gelten, was von einem erwartet wird, wer am Ende wem unterstellt sein wird. Hier gibt es kein Objekt, das man retten könnte; es gibt eine Lage, in der nichts feststeht. Von außen sieht beides ähnlich aus – Unruhe, Gerüchte, dieselben Fragen in jeder Besprechung. Von innen ist es etwas ganz Verschiedenes, und die Führungskraft, die darauf reagieren soll, hat es mit zwei Geometrien im selben Raum zu tun.
Auf konkrete Angst helfen Information und Kontrolle: klare Aussagen darüber, wer betroffen ist und wer nicht, welche Absicherungen es gibt, welche Handlungsmöglichkeiten bestehen. Man verringert die vertikale Spannung, indem man die Bedrohungsüberzeugung realistisch einordnet – die Abteilung wird nicht geschlossen, die Stelle bleibt – oder indem man Handlungsmacht zurückgibt, etwa durch Mitsprache bei der Frage, wie der Umbau konkret abläuft.
Auf Kontingenzangst hilft dasselbe Rezept nicht, oder es verschlimmert die Lage. Denn hier fehlt keine Antwort auf eine bestimmte Bedrohung; hier fehlt Orientierung. Noch mehr Optionen, noch mehr „es könnte so oder so kommen“, noch mehr offene Kommunikation ohne Struktur erhöht die horizontale Spannung. Die Rundmail, die fünf Szenarien aufzählt und mit dem Satz endet, es sei noch nichts entschieden, ist gut gemeint und wirkt in diesem Fall wie ein zusätzlicher Stoß gegen das Mobile. Was hilft, ist ein Rahmen: verlässliche Zwischenschritte, benannte Prinzipien, ein Datum, an dem der nächste Stand mitgeteilt wird – etwas, woran man sich halten kann, auch wenn nicht alles feststeht. Als Faustregel: Konkrete Angst verlangt Antworten. Kontingenzangst verlangt einen Rahmen, in dem sich aushalten lässt, dass es noch keine gibt.
An dieser Stelle scheitern viele gut gemeinte Kommunikations- und Politikversuche, und zwar keineswegs nur in Unternehmen. Sie reagieren auf diffuse Verunsicherung mit einer Flut an Information und Handlungsappellen und wundern sich, dass die Unruhe wächst. Sie behandeln eine horizontale Spannung, als wäre sie eine vertikale. Ob sich die beiden Anteile in einer Belegschaft sauber trennen lassen, ist allerdings eine offene Frage. In der Praxis dürften sie häufig in derselben Person nebeneinander liegen – die Angst um die eigene Stelle und die Ungewissheit darüber, was die neue Struktur überhaupt bedeutet –, und dann braucht es beides: die Antwort, wo es eine gibt, und den Rahmen, in dem die übrigen Antworten ausstehen dürfen.
Dieselbe Nachricht, verschiedene Angst
Damit bin ich beim zweiten Gedanken, der erklärt, warum dieselbe Lage bei verschiedenen Menschen so unterschiedlich viel Angst erzeugt. Zwei Menschen, dieselbe Nachricht, dieselbe Faktenlage – und völlig verschiedene Angst. Die Alltagsantwort lautet: Der eine ist eben ängstlicher als der andere. Eine Erklärung ist das nicht, eher ein anderes Wort für dasselbe Rätsel.
In jeder einzelnen Bewertung stecken, so mein Vorschlag, zwei Komponenten, die man auseinanderhalten muss. Die Ausprägung ist die Sachaussage: Wie steht es um die Lage? Wie wahrscheinlich ist der Schaden? Wie kontrollierbar ist die Situation? Es ist die Frage nach dem, was der Fall ist – in der Fachsprache die Überzeugungskomponente. Die Wichtigkeit ist die Wertaussage: Wie sehr zählt mir das? Wie bedeutsam ist mir dieses Objekt, diese Kontrolle, diese Gewissheit? Es ist die Frage nach dem, was mir am Herzen liegt – die Erwünschtheitskomponente. Ich greife dafür auf Belief-Desire-Theorien zurück, in denen jedes Element eines kognitiven Systems eine Überzeugungs- und eine Erwünschtheitsseite hat: Die Überzeugung entspricht der faktischen Ausprägung einer Dimension, die Erwünschtheit ihrer Wichtigkeit.⁸
Diese Trennung klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die systematische Unterscheidung von Wichtigkeit und Ausprägung ist, soweit ich sehe, selbst in der psychologischen Emotionsforschung ein Novum.⁹ Üblicherweise wird beides vermengt: Man misst, wie bedrohlich jemand eine Lage einschätzt, und schließt daraus auf die Angst. Das greift zu kurz, denn dieselbe Sachlage schlägt nur dann in Angst um, wenn das, was auf dem Spiel steht, der Person auch wichtig ist.
Ein Beispiel. Zwei Menschen erhalten dieselbe Information: Die Zukunft eines bestimmten Wirtschaftszweigs ist unsicher. Für den einen ist das eine Randnotiz – der Wirtschaftszweig ist ihm gleichgültig, die Wichtigkeit ist gering, also entsteht kaum Spannung, wie düster die Prognose auch ausfällt. Für den anderen hängt die berufliche Existenz daran, und dieselbe Prognose erzeugt massive Angst. Die Ausprägung war identisch. Die Wichtigkeit hat den Unterschied gemacht.
Wie wichtig ist uns Kontrolle?
Der Gedanke gewinnt sein gesellschaftsdiagnostisches Gewicht durch eine Wendung, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt. Wichtigkeit betrifft nämlich nicht nur die Objekte – Gesundheit, Arbeit, Kinder. Sie betrifft auch die Bewertungsdimensionen selbst, Ungewissheit und Kontrolle. Menschen unterscheiden sich darin, wie ungewiss sie eine Lage einschätzen – und ebenso darin, wie wichtig ihnen Gewissheit, Klarheit und Vorhersagbarkeit überhaupt sind. Für Kontrolle gilt dasselbe: Es zählt, wie viel Kontrolle jemand wahrnimmt, und es zählt, wie wichtig ihm Kontrolle ist.¹⁰ Das Ausmaß erlebter Kontingenz allein ist also nicht entscheidend; hinzu kommt, als wie wichtig Klarheit, Eindeutigkeit und Vorhersagbarkeit erachtet werden.¹¹
Was das bedeutet, zeigt sich, wenn man das Wirtschaftszweig-Beispiel noch einmal anders dreht. Zwei Menschen, denen dieselbe Branche gleich wichtig ist und die dieselbe unsichere Prognose lesen, können sich immer noch darin unterscheiden, wie sehr sie es aushalten, die Zukunft nicht zu kennen. Für den einen ist eine offene Lage eine offene Lage; er wartet ab. Für den anderen ist sie eine Zumutung, weil ihm Planbarkeit selbst etwas Wichtiges ist – und dieser zweite Mensch hat mehr Angst, obwohl weder die Lage noch die Bedeutung der Branche sich unterscheiden. Die Angst hängt an der Wichtigkeit von Gewissheit, nicht an der Gewissheit.
Damit wird eine Kulturdiagnose möglich, die ohne die pauschale Rede von der „Angstgesellschaft“ auskommt. Gesellschaften und Milieus unterscheiden sich systematisch darin, wie wichtig ihnen Kontrolle und Gewissheit sind. Eine Kultur, die den Menschen zumutet und zutraut, ihr Leben selbst zu steuern – die Kontrolle also sehr hoch bewertet –, macht den Kontrollverlust umso schmerzhafter. Eine Zeit, die Eindeutigkeit und Planbarkeit zum Ideal erhebt, macht Ungewissheit umso unerträglicher. Die Welt muss dafür nicht unsicherer geworden sein; es reicht, dass die Wichtigkeit von Sicherheit gestiegen ist.
Diese Erklärung reicht tiefer als die Behauptung, es gäbe „immer mehr Bedrohungen“. Vielleicht gibt es gar nicht mehr Bedrohungen. Vielleicht ist uns nur Kontrolle immer wichtiger geworden, und deshalb trifft uns ihr Fehlen härter. Ich formuliere das ausdrücklich als Vermutung, und ich bin mir bewusst, dass sie schwerer zu prüfen ist als die Gegenthese: Ob die Wichtigkeit von Kontrolle tatsächlich gestiegen ist, wäre eigens zu erheben, und die üblichen Instrumente fragen fast nur nach der Ausprägung – wie bedrohlich jemand eine Lage einschätzt, wie viele Sorgen er angibt. Die Frage, wie wichtig den Befragten Gewissheit überhaupt ist, kommt darin kaum vor. Die Verschiebung des Blicks – von der Lage auf ihre Bedeutung – ist gleichwohl der eigentliche analytische Gewinn, und sie verändert die Diagnose auch dort, wo die Daten noch fehlen: Statt zu fragen, ob „die Gesellschaft“ mehr Angst hat, fragt man, welchen Gruppen Kontrolle wie wichtig ist und was ihnen deshalb als Kontrollverlust erscheint.
Was daraus folgt
Aus beiden Gedanken – Angst als Spannung mit zwei Geometrien und die Trennung von Ausprägung und Wichtigkeit – folgen recht konkrete Konsequenzen für Kommunikation, Beratung und Politik. Wer Angst verringern will, hat mehr Ansatzpunkte, als meist angenommen wird.
Am Anfang steht die Diagnose. Bevor man auf Angst reagiert, wäre ihre Geometrie zu bestimmen: Handelt es sich um konkrete Angst mit einem benennbaren bedrohten Objekt oder um Kontingenzangst, also um Orientierungsverlust? Die falsche Diagnose führt zur falschen Antwort, wie das Beispiel der Umstrukturierung zeigt.
Dann die Stellschrauben. Eine vertikale Spannung lässt sich an mehreren Punkten lösen: an der Bedrohungsüberzeugung (ist die Lage wirklich so?), an der wahrgenommenen Kontrolle (was lässt sich tun?), an der Wahrscheinlichkeit (wie realistisch ist der Schaden?). Man muss nicht immer das Objekt selbst „retten“.
Der ungewohnteste Punkt: Manchmal liegt der Hebel bei der Wichtigkeit und nicht bei der Lage. Wenn eine Angst daraus entsteht, dass jemandem absolute Gewissheit oder totale Kontrolle über etwas prinzipiell Unkontrollierbares wichtig ist, hilft keine noch so gute Information über die Lage. Dann geht es darum, ob sich die Bedeutung von Kontrolle und Gewissheit verschieben lässt – hin zu einer Haltung, die mit Ungewissheit umgehen kann, ohne sie als Zumutung zu erleben. Das ist heikles Terrain. Diese Wichtigkeiten sind kulturell tief verankert und lassen sich nicht per Appell ändern; wahrscheinlicher ist, dass eine Gesellschaft versucht, Gewissheit auf anderen Wegen zu maximieren – über das Vorsichtsprinzip, höhere Sicherheitsstandards, die Orientierung an Traditionen, den Ruf nach starker Führung.¹² Aber schon zu sehen, dass hier der eigentliche Angsttreiber liegt, verändert die Kommunikation.
Und schließlich die Ehrlichkeit über die Grenzen. Manche Ängste lassen sich nicht auflösen, weil sie an einer Kontingenz hängen, die real ist. Dann besteht die Aufgabe darin, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich Unbestimmtheit aushalten lässt, und nicht darin, Gewissheit vorzutäuschen. Wer als Institution echte Ungewissheit als Sicherheit verkauft, beschädigt Vertrauen und schafft die nächste Angst.
Von der Stimmung zur Struktur
Ich habe mit drei Worten begonnen, die im Alltag alles und nichts bedeuten. Was ich vorgeschlagen habe, ist eine Möglichkeit, sie zu sortieren. Angst ist in diesem Vorschlag keine Stimmung, die uns überkommt, sondern eine Spannung, die in unserem Bewerten der Welt entsteht – nach oben und unten, wenn etwas Wichtiges bedroht erscheint; zur Seite, wenn zwei Dinge gelten wollen und nicht zusammenpassen oder wenn jede Orientierung fehlt. Dazu kommt die zweite Achse: wie wichtig uns das ist, was auf dem Spiel steht, bis hin zu der Frage, wie wichtig uns Gewissheit und Kontrolle überhaupt sind.
Wer so hinsieht, hört auf, über „die Angst“ im Allgemeinen zu reden, und fragt stattdessen: Welche Spannung ist das? Zwischen welchen Polen? Was daran ist eine Frage der Lage, was eine Frage dessen, was wir für wichtig halten? Für die Führungskraft in der Umstrukturierung sind diese Fragen sofort brauchbar; sie muss herausfinden, wer im Raum Antworten braucht und wer einen Rahmen. Für die größere Frage, ob uns Kontrolle als Gesellschaft wichtiger geworden ist, reichen sie allein nicht. Dafür müsste man die Wichtigkeit messen, statt sie aus der Ausprägung herauszulesen – und wie das verlässlich geht, weiß ich bislang nicht.
Anmerkungen
- Soziologie der Angst (2017), Kap. 6, S. 355–359. Das Modell greift auf die Logik dynamischer Systeme bzw. Parallel-Constraint-Satisfaction-Netzwerke zurück, in denen viele Bewertungen gleichzeitig integriert werden, bis sich ein hinreichend konsistenter Zustand einstellt.
- S. 357.
- S. 357–358.
- S. 357.
- S. 358–359: Zielkonflikte und einander widersprechende Überzeugungen; Rollenkonflikte als gleichermaßen Gültigkeit beanspruchende Rollenidentitäten.
- S. 358.
- S. 38–39.
- S. 355–356; Belief-Desire-Theorien, u. a. Nerbs DEBECO-Modell.
- S. 448.
- S. 448.
- S. 448 (sinngemäß).
- S. 456: Ersatzsicherung über Vorsichtsprinzip, höhere Sicherheitsstandards, Traditionsorientierung, Ruf nach starker Führung.
Grundlage: Soziologie der Angst (Springer VS 2017); die Gegenwartsanwendungen führen das Modell weiter.
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Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.