Im Gespräch mit der Gegenwartssoziologie — Vier Gespräche über Kontrolle, Ungewissheit, Gefühl und Diagnose
Was ein Angstmodell den Debatten um Kontrolle, Ungewissheit, Gefühl und Zeitdiagnose anbieten kann — vier Gespräche mit Rosa, Beckert, Illouz, Reckwitz und der Polarisierungsforschung.
Vortrag für ein theorieaffines Fachpublikum, 40–45 Minuten — Kolloquien, Tagungen, Ringvorlesungen; auch in einer Variante für ein breiteres Publikum.
Worum es geht
Meine Soziologie der Angst erschien 2017 – vor der Pandemie und ihren Kontrollkämpfen, vor der Klimaangst-Welle, vor generativer KI und bevor „affektive Polarisierung“ vom Schlagwort zum Forschungsprogramm wurde. Die meisten Arbeiten, die ich in diesem Vortrag aufrufe, sind jünger als das Buch. Ich schicke das Modell deshalb ins Gespräch mit der Soziologie, die nach ihm geschrieben hat.
Vier Gespräche. In jedem bringt die Gegenwartssoziologie eine große, meist überzeugende Diagnose mit und lässt eine Lücke offen; in jedem hat mein Modell etwas anzubieten, das in diese Lücke passt. Das Werkzeug dafür ist überschaubar: konkrete Angst und Kontingenzangst als zwei Bauformen; die Trennung von Ausprägung, Wichtigkeit und Salienz in jeder Bewertung; vier soziale Stellschrauben (Identifikationsobjekte, Ungewissheit, Kontrollierbarkeit, Emotionsnormen); und die Rückkopplung zwischen Entstehung und Bewältigung.
Aufbau
Kontrolle. Hartmut Rosa (Unverfügbarkeit), Ian Scoones und Andy Stirling (The Politics of Uncertainty), die Resilienzkritik um Ulrich Bröckling und die Forschung zur ontologischen Sicherheit (Catarina Kinnvall, Jennifer Mitzen) beschreiben aus vier Richtungen dasselbe: Unsere Kultur habe ein Übergewicht an Kontrolle und Gewissheit, und das räche sich. Offen bleibt, warum Kontrollverlust in Angst umschlägt und nicht in Gelassenheit, und warum mehr Kontrolle die Angst nährt, statt sie zu stillen. Mein Modell trennt die Ausprägung einer Lage von der Wichtigkeit dessen, was auf dem Spiel steht: Die Bedeutung von Kontrolle ist historisch außerordentlich hoch und lässt sich per Appell nicht absenken; Prävention, Vorsorge und Resilienzappelle erscheinen dann als Symptome dieser Wichtigkeit, die die Angst nähren.
Ungewissheit. Jens Beckert (Imagined Futures), die Zukunftssoziologie um Ann Mische und Elena Esposito (Artificial Communication) beschreiben, wie Akteure echte Ungewissheit überbrücken – durch fiktionale Erwartungen, Antizipationen, algorithmische Prognosen – und was zerfällt, wenn geteilte Ungewissheit in individualisierte Vorhersagen aufgelöst wird. Diese Arbeiten sind kognitiv, narrativ, systemisch; was Ungewissheit mit uns macht, bevor wir sie überbrücken, bleibt weitgehend außen vor. Ich biete die Kontingenzangst als emotionale Kehrseite unüberbrückter Ungewissheit an, dazu den Befund, dass Ungewissheit nicht in Angst kippen muss: Gemeinsam getragen intensiviert sie Informationssuche und wechselseitige Orientierung und kann Integration sogar erhöhen. Ob Espositos Diagnose einen Anschluss an die KI-Debatte eröffnet, halte ich bewusst offen.
Gefühl. Eva Illouz (The Emotional Life of Populism), William Davies (Nervous States) und die empirische Polarisierungsforschung (Emma Renström u. a.) belegen, dass Emotionen Politik und Wissen formen: Illouz zählt vier Emotionen des Rechtspopulismus, Davies beschreibt einen nervösen Zustand, die Empirie misst, wie wahrgenommene Bedrohung über Wut zu Distanz führt. Dem Feld fehlt eine gemeinsame Grammatik; warum Wut eine andere Politik erzeugt als Angst, bleibt meist unbeantwortet. Mein Kapitel über die Effekte von Emotionen liefert den Mechanismus: Wut geht mit Gewissheit, Kontrollgefühl und harten Maßnahmen einher, Angst mit Risikoscheu, Informationssuche und Verständigungsbereitschaft; Emotionsnormen entscheiden schon auf der unbewussten Ebene, ob ein Gefühl das Urteil prägen darf; und Illouz’ Repertoire lässt sich als funktionale Bewältigung lesen statt als moralisches Versagen.
Diagnose. Andreas Reckwitz (Verlust), die Klimaangst-Studien um Caroline Hickman (Lancet Planetary Health 2021, rund 10.000 junge Menschen in zehn Ländern) und die Populismusdiagnosen setzen Angst und Verunsicherung ins Zentrum der Zeitdiagnose. Ihre typischen Risiken sind Pauschalisierung – die ganze Gesellschaft „verliert“, „hat Angst“ – und Pathologisierung. Mein Modell wirkt hier als Korrektiv: Gruppen fürchten Verschiedenes aus verschiedenen Gründen; Sorge ist etwas anderes als Angst; und die Klimaangst, die in den Daten an wahrgenommene Untätigkeit der Regierungen gekoppelt ist, lässt sich als Kontrollierbarkeitsproblem plus Schuldzuschreibung lesen – weder bagatellisiert noch pathologisiert. Bei Reckwitz bleibt eine Frage, die der Vortrag nur stellen kann: Wer verliert was, und warum kippt es bei den einen in Angst, bei anderen in Wut, bei Dritten in Scham?
Kernthesen
- Die Kontrollkritik von Rosa bis Kinnvall beschreibt ein kulturelles Übergewicht. Warum es in Angst umschlägt: Je wichtiger einer Kultur Kontrolle ist, desto schmerzhafter trifft sie jeder Kontrollverlust.
- Die Ungewissheitssoziologie denkt kognitiv; ihre affektive Seite ist die Kontingenzangst. Ungewissheit hat ein integratives Potenzial, wenn sie gemeinsam getragen wird.
- Wut und Angst bauen verschiedene Welten. Wut erzeugt Gewissheit und Härte, Angst Suche und Verständigungsbereitschaft.
- Gesellschaften haben nicht einfach mehr oder weniger Angst. Eine tragfähige Diagnose fragt, wer was fürchtet, ob Sorge oder Angst gemeint ist und wohin das Gefühl gesellschaftlich übersetzt wird.
- Die Richtung ist gestaltbar: Ob Angst spaltet oder verbindet, ob eine Krise erstarrt oder Wandel treibt, hängt von den Umständen ab, nicht von der Angst.
- Dieselben Parameter gelten von der Interaktion bis zum öffentlichen Diskurs – und, mit anderen Dimensionen, für andere Emotionen: eine Blaupause für eine Soziologie der Emotionen.
Grundlage: Soziologie der Angst (Springer VS 2017); die Gegenwartsanwendungen führen das Modell weiter. Zwei der vier Gespräche liegen als Essays auf dieser Seite: „Wut und Angst bauen verschiedene Welten“ (Gefühl) und „Die große Angst-Erzählung ist zu grob“ (Diagnose).
Buchbar als Vortrag mit Diskussion. Das Vortragsmanuskript kann auf Anfrage geliefert werden. Anfragen über den Kontakt unten.
Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.