VortragAbstract

Krise mit Ansage — Was die Soziologie über unsichere Zeiten weiß

Beck, Bauman, Furedi und die Emotionssoziologie haben unsere Gegenwart beschrieben, lange bevor sie eintrat. Ein Gang durch die Theorien – und was mein Modell an ihnen korrigiert.

Vortrag für politische Bildung und Hochschulen — Landeszentralen und Akademien, Stiftungen, Fachtagungen, Fortbildungen für Verwaltung und Führungskräfte mit theoretischem Anspruch. 40–45 Minuten, kürzbar auf 30; Vorwissen ist nicht nötig, Interesse an Theorie schon.

Worum es geht

Die Gegenwart fühlt sich beispiellos an: Pandemie, Krieg, Inflation, Klima, Migration, Künstliche Intelligenz – und für das Gleichzeitige gibt es inzwischen das Wort Polykrise. Mit dem Wort kommt ein Gefühl: So etwas gab es noch nie, niemand versteht das mehr. Ich widerspreche in einem Punkt. Die Lage ist ernst, aber sie kam mit Ansage. Ulrich Beck schrieb die Risikogesellschaft 1986, im Jahr von Tschernobyl; Zygmunt Bauman prägte um die Jahrtausendwende das Bild einer verflüssigten Angst, der „Liquid Fear“; Frank Furedi beschrieb 2006 eine „Culture of Fear“; und die Emotionssoziologie untersucht seit den späten 1970er Jahren, wie Gefühle sozial entstehen und wirken. Wir haben Begriffe. Wir haben nur verlernt, sie zu benutzen.

Der Vortrag reicht deshalb keine fertige Beruhigung, er reicht eine Werkzeugkiste. Ich nehme die großen soziologischen Krisen- und Angsttheorien nacheinander in die Hand, halte sie an die gegenwärtigen Krisen und zeige, was jede sichtbar macht und was sie übersieht. Der rote Faden ist meine Soziologie der Angst, in der ich genau diese Theorien kritisch durchgemustert und aus ihren Stärken und Schwächen ein eigenes Modell gebaut habe. Anders als in meinen übrigen Krisenvorträgen steht hier die Theoriegeschichte selbst im Mittelpunkt: der Bogen von der Risikogesellschaft über die Zeitdiagnosen der flüssigen Moderne bis zur Emotionssoziologie – und die Stelle, an der ich diesen Bogen korrigiere.

Aufbau

Der Vortrag folgt der Reihenfolge, in der die Theorien entstanden sind, und wechselt in der Mitte von der Bewunderung zur Kritik.

  • Warum Theorie gerade in der Krise kein Luxus ist.
  • Beck: hausgemachte Risiken, die der Wahrnehmung entzogen sind – „Risiken im Wissen“; Vertrauen in Institutionen als Infrastruktur.
  • Bauman: warum sich ausgerechnet die Bestversorgten am bedrohtesten fühlen; die „security obsession“ als kulturelles Relikt.
  • Furedi: die Angstkultur als Ursache statt Folge – und ein Selbstwiderspruch, der auch jeden Anti-Alarmisten trifft.
  • Der Bruch: zwei stillschweigende Annahmen der Diagnosen, die nicht tragen, und ihr blinder Fleck.
  • Die Emotionssoziologie als Mechanik: Kemper und Barbalet, Hochschild, Scheff und Turner.
  • Die Synthese in meinem Modell und der Schluss: Verstehen ist selbst schon Bewältigung.

Kernthesen

  • Unsere Krise kam mit Ansage. Die Soziologie hat die Gegenwart Jahrzehnte im Voraus beschrieben; wer gut mit Krisen umgehen will, braucht keine neuen Begriffe, er müsste die vorhandenen benutzen.
  • Beck hat den entscheidenden Punkt gesetzt, ohne ihn zu entscheiden: Er lässt offen, ob die Risiken zunehmen oder nur der Blick für sie. An dieser Unentschiedenheit setzt mein Modell an.
  • Bauman hat als Einziger geahnt, was den Zeitdiagnosen fehlt: Nicht die Ungewissheit beunruhigt, sondern wie viel Gewissheit wir verlangen. Er hat es allerdings mit der Angst vor konkreten Gefahren vermengt und damit analytisches Potenzial verschenkt.
  • Kontingenz ist nicht gleich Angst. Ungewissheit ängstigt nur den, dem Gewissheit wichtig ist – die Unsicherheit über die eigene Berufszukunft ist ein anderes Problem als die über die Pünktlichkeit der S-Bahn. Und Ungewissheit ist wertneutral: Sie kann auch Chance heißen. Dass in Krisen das Negative dominiert, ist deshalb selbst erklärungsbedürftig.
  • Angst ist ungleich verteilt. Die Frage lautet nie, wie viel Angst „die Gesellschaft“ hat, sondern wer was fürchtet, warum, und mit welchen Mitteln er damit umgeht. Das ist zugleich das Kriterium, das Furedi fehlte.
  • „Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll“ – Hochschilds Satz über Zeiten raschen Wandels beschreibt die Angst der Krise in Reinform: Eine Krise nimmt nicht nur Sicherheit über die Welt, sie nimmt die Sicherheit darüber, wie man zur Welt stehen soll.
  • Entstehung und Bewältigung von Angst sind gekoppelt. Wie eine Gesellschaft mit Angst umgeht, wird selbst wieder zur Ursache von Angst – auf allen Ebenen, vom Einzelnen bis zum öffentlichen Diskurs.

Grundlage: Soziologie der Angst (Springer VS 2017), vor allem die kritische Bestandsaufnahme der Gegenwartsdiagnosen und der Emotionssoziologie in Kapitel 2; die fremden Ansätze werden so referiert, wie ich sie dort diskutiere. Die Gegenwartsanwendungen führen das Modell weiter.


Buchbar als Vortrag mit Diskussion. Das Vortragsmanuskript kann auf Anfrage geliefert werden. Anfragen über den Kontakt unten.

Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.

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