EssayKurzfassung

Relais — wenn Maschinen miteinander sprechen und Menschen nur noch überbringen

Die Maschine schreibt, der Mensch übergibt, die Maschine des Empfängers liest. In immer mehr Abläufen wird nirgends mehr verstanden, aber überall unterschrieben. Eine soziologische Beschreibung dessen, was dabei mit Autorschaft, Anerkennung und Verantwortung geschieht.

Kurzfassung eines Essays. Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden.

Man kann sich die Abläufe inzwischen ohne große Phantasie vorstellen. Eine Bewerberin lässt ihr Anschreiben aus Lebenslauf und Stellenanzeige erzeugen; die Personalabteilung lässt zweihundert solcher Anschreiben von einem anderen Programm vorsortieren, und auch die Absage an die Bewerberin formuliert ein Programm. Eine Forschungsgruppe lässt ihren Förderantrag glätten und erweitern; der Gutachter lässt sich die zwanzig Seiten in einer halben zusammenfassen. Ein Abteilungsleiter lässt sich die Antwort auf eine schwierige Mail vorschlagen, die Empfängerin lässt sich diese Antwort in drei Stichpunkten anzeigen. Und in der Schule lässt eine Lehrerin ein Arbeitsblatt erzeugen, ein Schüler die Antworten, ein Korrekturwerkzeug die Note mitsamt freundlichem Kommentar, den der Schüler sich wiederum zusammenfassen lässt.

Wer hat hier jeweils mit wem gesprochen? Niemand hat gelogen, jeder hat etwas getan. Und doch ist an keiner Stelle ein Gedanke von einem Kopf in einen anderen gewandert. An beiden Enden eines Kommunikationsakts sitzt eine Maschine. Dazwischen sitzen Menschen, die übermitteln, öffnen, weiterreichen und unterschreiben. Die Fälle sind typisiert, keiner beschreibt eine bestimmte Firma oder Schule. Aber jeder Schritt darin ist heute möglich, und viele sind bereits Alltag.

Nicht Marionette, Relais

Als ich diese Beobachtung zum ersten Mal notiert habe, stand dort das Wort Marionette: Menschen würden zu Marionetten oder Medien von Maschinen. Die Beobachtung halte ich weiterhin für richtig, das Wort inzwischen für schief. Eine Marionette hat einen Spieler, jemanden mit Absichten, der die Fäden hält. In den Abläufen oben gibt es diesen Jemand nicht. Die Maschine, die das Anschreiben formuliert, verfolgt keinen Plan mit der Bewerberin; die Maschine, die es aussortiert, weiß nicht, dass sie über eine Lebenschance entscheidet. Wer das Bild ernst nimmt, sucht nach einer Steuerung, die niemand ausübt, und findet am Ende eine Verschwörung oder einen Konzern. Beides erklärt nicht, was geschehen ist.

Genauer ist ein Begriff aus der Technik: Relais. Ein Relais schaltet ein Signal weiter, das es nicht erzeugt hat und dessen Inhalt es nicht kennt, und es ist für den Betrieb trotzdem unentbehrlich. Bruno Latour hat eine verwandte Unterscheidung vorgeschlagen. Mediatoren verändern, was sie weitergeben: Man kann aus dem, was hineingeht, nicht vorhersagen, was herauskommt. Intermediäre reichen es unverändert durch. Die Bewerberin, die ihr Anschreiben selbst schreibt, ist Mediatorin – sie wählt aus, lässt weg, setzt einen Ton, verschreibt sich mitunter. Die Bewerberin, die es erzeugen lässt, wird zur Intermediärin. Ob jemand Relais ist, hängt also nicht von seiner Gesinnung ab. Es hängt davon ab, ob in dem, was er übergibt, noch eine eigene Veränderung steckt.

Drei Rollen, die auseinanderfallen

Erving Goffman hat das, was wir alltagssprachlich den Sprecher nennen, in drei Rollen zerlegt. Der Animator bringt die Worte hervor, mit Stimme oder Hand. Der Autor wählt die Gedanken und die Worte aus. Der Prinzipal ist derjenige, in dessen Namen gesprochen wird und der für das Gesagte einsteht. Im gewöhnlichen Gespräch fallen die drei in einer Person zusammen, deshalb bemerkt man sie nicht. Goffman interessierten die Fälle, in denen sie sich trennen: der Nachrichtensprecher, der einen fremden Text verliest, der Regierungssprecher, der für einen Minister spricht. Dort übernimmt jeweils ein anderer Mensch die fehlende Rolle, und jeder von ihnen kann zur Rede gestellt werden.

Im Relais ist das anders. Der Mensch bleibt Animator, er übergibt, klickt auf Senden, unterschreibt. Er bleibt Prinzipal, es ist seine Bewerbung, sein Antrag, seine Note. Verloren geht die mittlere Rolle, und sie geht an eine Instanz, die man nicht zur Rede stellen kann. Autorschaft war dabei nie vollständig individuell; wer ein Anschreiben verfasst, folgt Mustern, die er nicht erfunden hat. Der Unterschied liegt im Ort der Auswahl. Bislang hat der Mensch aus den Mustern gewählt. Im Relais wählt er höchstens noch zwischen zwei Fassungen, die ihm vorgelegt werden.

Auf der Empfängerseite geschieht Ähnliches. Wer eine Zusammenfassung liest, bleibt Adressat und muss antworten, gelesen hat ein anderer. Auf beiden Seiten bleibt dem Menschen die Rolle, die ihn festlegt, und es geht die Rolle verloren, die ihn beteiligt.

Mit Niklas Luhmann ließe sich fragen, ob hier überhaupt noch Kommunikation stattfindet. Kommunikation kommt bei ihm erst zustande, wenn jemand versteht, und sei es falsch. Elena Esposito hat vorgeschlagen, bei Algorithmen von künstlicher Kommunikation zu sprechen: Maschinen verstehen nichts, müssen es aber auch nicht, um Kommunikationspartner zu sein. Es genügt, dass die andere Seite mit ihren Beiträgen etwas anfangen kann.

So betrachtet wird verständlich, warum das Relais so stabil läuft. Die Maschinen stellen den Anschluss her, die Menschen liefern die Gültigkeit. Eine Maschine kann sich nicht bewerben, keinen Antrag stellen, keine Hausaufgabe abgeben; das kann nur ein Name, ein Mitglied einer Organisation. Was in gewöhnlicher Kommunikation dazwischen läge, das Verstehen, ist im Ablauf nicht vorgesehen. Vielleicht findet es trotzdem statt, hier und da, wenn jemand die Zusammenfassung doch liest und stutzt. Vorgesehen ist es nicht.

Die Akte war zuerst da

Das Relais ist weniger neu, als es scheint. Es setzt sich zuerst dort durch, wo Kommunikation schon vorher formalisiert war: in Akten, Formularen, Anträgen, Bewertungsbögen. Max Weber hat die Aktenmäßigkeit als Kennzeichen der Bürokratie beschrieben, das Zurücktreten der Person hinter das Amt. Wer ein Formular ausfüllt, ist längst kein Autor im vollen Sinn mehr. Das Relais treibt diese Entwicklung einen Schritt weiter, indem es auch das Ausfüllen und das Lesen delegiert. Für Verwaltung, Personalwesen, Schule und Wissenschaftsbetrieb ist das ein kleiner Schritt. Für das Gespräch am Küchentisch ist es ein großer.

Dazu kommt eine doppelte Kompression. Text wird billig, Aufmerksamkeit bleibt knapp. Wer schreiben lässt, schreibt länger, weil Länge nichts mehr kostet; wer liest, lässt zusammenfassen, weil Lesen nach wie vor kostet. Der Antrag wächst auf zwanzig Seiten, das Gutachten fasst ihn in vier Sätzen zusammen. Beide Seiten handeln für sich vernünftig, und das Ergebnis ist ein System, in dem sehr viel geschrieben und sehr wenig gelesen wird.

Was ein Anschreiben einmal bewies

Ein Anschreiben war, im Sinn der ökonomischen Signaltheorie, ein Beleg für Mühe. Es kostete einen Abend, und man sah ihm an, ob der Abend investiert worden war. Wird Text kostenlos, beweist er nichts mehr über die Person, die ihn übergibt, auch dann nicht, wenn er gut ist. Signale verschwinden aber nicht, sie ziehen um: zur mündlichen Prüfung, zum Vorstellungsgespräch, zur Klausur unter Aufsicht, zum persönlichen Termin.

Pierre Bourdieu hätte an dieser Stelle nach den Kapitalsorten gefragt. Ökonomisches Kapital kauft persönliche Betreuung, soziales Kapital verschafft sie: Wer jemanden kennt, wird angerufen statt ins Portal geschickt. Präsenz hat dabei zwei Gesichter. Oben ist sie Zuwendung, man wird empfangen, beraten, gelesen. Unten kann sie Zumutung sein, für den, der mit den Werkzeugen nicht umgehen kann und deshalb am Schalter anstehen muss. Und wer weder Zeit noch Mittel für Präsenz hat, dem bleibt der maschinelle Kanal, oft ohne dass ihn am anderen Ende jemand liest. Ich vermute, dass die Fähigkeit, selbst gut zu schreiben, als Bildungsausweis an Wert verliert und der Zugang zum persönlichen Kontakt an Wert gewinnt.

Haften, ohne gewählt zu haben

Die folgenreichste Verschiebung betrifft die Verantwortung. In meinen Arbeiten zur Attribution habe ich vorgeschlagen, dass Gesellschaften Regeln dafür haben, wer wofür verantwortlich gemacht werden darf. Verantwortung setzt dabei voraus, dass jemand anders hätte handeln können. Nun enthält der Antrag eine erfundene Quelle, das Paper zitiert eine Studie, die es nicht gibt, die Bewerbung behauptet eine Qualifikation, die niemand geprüft hat. In allen Fällen wird der Mensch sanktioniert, der den Text übergeben hat, obwohl er ihn nicht gewählt hat. Er ist Prinzipal, und Prinzipale haften. Der „human in the loop", den Regelwerke für automatisierte Systeme vorsehen, ist in dieser Lesart weniger Kontrolleur als Unterschrift unter fremdem Text. Er soll sicherstellen, dass jemand haftet, weniger, dass jemand versteht.

Leiser, vielleicht noch folgenreicher ist etwas anderes. Wenn die Personalchefin eine Bewerbung lobt oder die Lehrerin eine Arbeit, wen lobt sie? Anerkennung verliert ihren Adressaten, und beide Seiten wissen es. Und eine alte Frage verschiebt sich: Ob man einer Nachricht glaubt, hing lange daran, wer sie vermittelt. Im Relais lautet die Frage eher, ob hinter dem Text überhaupt jemand steht.

Was die These nicht sagt

Das Relais ist eine Tendenz unter Bedingungen, kein Schicksal. Es setzt sich durch, wo Kommunikation formalisiert, schriftlich, asymmetrisch und massenhaft ist. Das Gespräch unter Kollegen, die sich kennen, ist nicht immun, aber langsamer. Niemand in den Beispielen handelt unvernünftig: Die Bewerberin ist nicht bequem, die Personalabteilung nicht zynisch, die Lehrerin nicht faul. Sie tun, was die Lage nahelegt. Wer das Relais ändern will, muss die Lage ändern.

Für Institutionen ergibt sich daraus eine einfache Prüffrage: An welcher Stelle dieses Ablaufs versteht noch jemand? Man kann sie einer Personalabteilung, einem Förderprogramm oder einer Schule stellen und den Ablauf Schritt für Schritt durchgehen, mit der Notiz, ob ein Mensch den Text liest oder lesen lässt, ob er ihn wählt oder wählen lässt. Es reicht ein Blatt Papier. Manche Institutionen werden das Relais akzeptieren, weil ihre Abläufe ohne es nicht mehr zu bewältigen wären. Andere werden an einer Stelle einen Menschen einsetzen, der liest, und diese Stelle auch benennen – im Bewerbungsverfahren etwa die Person, die jedes Anschreiben der engeren Wahl selbst liest, bevor jemand zum Gespräch eingeladen wird.


Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden: kontakt@maxdehne.de. Theoretische Bezüge: Erving Goffman, „Footing" (1979); Bruno Latour, Reassembling the Social (2005); Niklas Luhmann, Soziale Systeme (1984); Elena Esposito, Artificial Communication (2022); Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft; Michael Spence, „Job Market Signaling" (1973); Pierre Bourdieu, „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital" (1983). Zur Attributionsordnung: Dehne, „Wieso, weshalb, warum? Attribution und die Entstehung (negativer) Emotionen" (2012). Die Relais-These führt diese Bezüge über ihren Gegenstand hinaus.

Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.

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