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Was von der Terrorangst geblieben ist

Vor 25 Jahren veränderten die Anschläge vom 11. September den Gefühlshaushalt des Westens. Die Angst von damals ist aus den Sorgenlisten längst verschwunden. Geblieben ist etwas anderes — und das ist die eigentlich interessante Geschichte.

Als Ulrich Beck sein Buch „Risikogesellschaft" zwei Jahrzehnte nach dessen Erscheinen wieder las, beschlich ihn nach eigener Auskunft „ein Gefühl der Rührung": Bei aller Dramatik erscheine die Welt von 1986 idyllisch — „sie ist noch ‚terrorfrei'". Morgen jähren sich die Anschläge vom 11. September zum fünfundzwanzigsten Mal. Zeit für die umgekehrte Frage: Was ist von der Terrorangst eigentlich geblieben?

Die Zeitreihen geben eine erste, überraschend nüchterne Antwort. In der R+V-Langzeitstudie schoss die Terrorangst nach 2001 in die Höhe und trieb den gesamten Angstindex mit. Ihren Höchststand erreichte sie allerdings erst 2016, nach den IS-Anschlägen in Europa: 73 Prozent, erstmals Platz eins der Liste. Heute taucht der Terror in der Spitzengruppe der Sorgen gar nicht mehr auf — angeführt wird sie seit Jahren von den Lebenshaltungskosten. Wer nur auf die Kurve schaut, könnte das Kapitel für geschlossen halten. Das wäre an drei Stellen zu früh.

Die Angst reiste über Bilder, nicht über Betroffenheit. Kaum jemand hierzulande war am 11. September 2001 persönlich bedroht. Und doch war die Angst real — weil die audiovisuelle Live-Übertragung eine Nachricht in etwas verwandelte, das dem eigenen Erleben nahekommt: Man sah die Türme fallen, in Echtzeit, immer wieder. Dass die Angst dabei nicht der Statistik folgt, gehört zum Mechanismus. Ereignisse in New York oder Paris steigern die gefühlte Wahrscheinlichkeit eigener Betroffenheit stärker als dieselben Ereignisse in Bagdad — kulturelle Nähe wirkt wie räumliche. Und dramatische, bildstarke Risiken werden systematisch überschätzt, gemessen an unspektakulären Gefahren, die deutlich mehr Menschen das Leben kosten. Der 11. September wurde so zum Lehrstück dafür, wie Angst durch Gesellschaften zirkuliert: entlang von Aufmerksamkeit und Deutung, nicht entlang von Betroffenheit.

Das Gefühl selbst war erstaunlich kurzlebig — seine Wirkung nicht. Der 11. September ist nebenbei auch ein Schlüsselereignis für die empirische Erforschung von Emotionen und Politik. In den Wochen danach ließ sich erstmals in großem Maßstab messen, was verschiedene Gefühle mit politischen Urteilen machen. Der Befund, den ich in meinem Buch ausführlich diskutiere, hat es in sich: Wer nach den Anschlägen vor allem Angst empfand, schätzte Risiken höher ein, wägte aber ab und neigte zu vorsichtigen, eher konzilianten Maßnahmen. Wer Wut empfand, gewann Gewissheit — und befürwortete die harten Antworten. Nicht die Bedrohung entschied über die Politikpräferenz, die Emotion tat es. Messbar waren diese Effekte übrigens nur zwei bis drei Monate. Die Kriege und Sicherheitsgesetze, die in genau diesem Fenster entworfen wurden, beschäftigen die Welt bis heute.

Geblieben ist die Architektur. Gefühle haben eine Halbwertszeit, ihre Institutionalisierungen nicht. Wer morgen früh an einem deutschen Flughafen den durchsichtigen Beutel mit den 100-Milliliter-Fläschchen packt, vollzieht ein Ritual, dessen Anlass ein vereitelter Anschlagsplan von 2006 war — die wenigsten wissen das noch, das Ritual funktioniert trotzdem. Sicherheitskontrollen, Überwachungsbefugnisse, Anti-Terror-Dateien, ganze Behördenzweige: Institutionen sind gewissermaßen geronnene Aufmerksamkeit. Sie konservieren die Prioritäten des Ausnahmemoments, lange nachdem das Gefühl verebbt ist. Man kann das für kluge Vorsorge halten oder für überdehnt — bemerkenswert ist etwas anderes: Der Aufbau solcher Architekturen geschieht im Takt des akuten Gefühls, ihr Rückbau wird in diesem Takt nie verhandelt. Es gibt Anlassgesetze, aber kaum Anlass-Entfristungen.

Dazu kommt eine unbequeme Einsicht über den Terror selbst. Anschläge zielen nicht primär auf ihre Opfer, sie zielen auf die Einschätzungen der Zuschauer: Sie demonstrieren Kontrolle über das Eintreten bedrohlicher Ereignisse und erzeugen Aufmerksamkeit weit über jede reale Gefährdung hinaus. Terror ist insofern Angstpolitik mit anderen Mitteln — sein Erfolg bemisst sich nicht an der Zerstörung, er bemisst sich an der Reaktion. Die Antwort einer Gesellschaft auf Terror entscheidet deshalb mit darüber, ob die Rechnung aufgeht. Das macht keine einzelne Sicherheitsmaßnahme falsch. Es erklärt aber, warum die Frage „Wie viel Angst haben wir noch?" die falsche Bilanzfrage ist. Die richtige lautet: Was hat unsere damalige Angstbewirtschaftung an Dauerhaftem hinterlassen, und wer prüft heute noch dessen Verhältnismäßigkeit?

Fünfundzwanzig Jahre danach ist die Bedrohungslage eine andere geworden. Die Verunsicherung der Gegenwart hat selten noch einen Absender mit Bekennerschreiben: Drohnen über Flughäfen, Sabotage an Umspannwerken und Bahntrassen, Angriffe, bei denen wochenlang unklar bleibt, wer sie verübt hat und ob überhaupt jemand. Solche diffusen Bedrohungen lassen sich schwerer bebildern als fallende Türme — und gerade deshalb schlechter in konkrete Angst übersetzen, aber auch schlechter durch sichtbare Kontrollen beruhigen. Ob die Reaktionsmuster, die der 11. September geprägt hat — schnelle Architektur, symbolische Sichtbarkeit, kein Rückbau —, für diese Lage taugen, scheint mir offen. Es wäre eine eigene Untersuchung wert.


Grundlage: meine Soziologie der Angst (Springer VS 2017): mediale Vermittlung und Zirkulation von Angst (S. 240), Distanz- und Überschätzungsmechanismen (S. 274 f.), Wirkungen von Angst und Wut nach dem 11. September und ihre Dauer (S. 314, 320, dort zur Studienlage um Lerner u. a. 2003), Terror als Demonstration von Kontrolle (S. 248). Zahlen: R+V-Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen" (Langzeitvergleich; Terrorangst 2016: 73 Prozent, erstmals Platz 1). — Für Einordnungen und Hintergrundgespräche: kontakt@maxdehne.de.

Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.

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